Jana Teuscher - Das Labyrinth der Zeit

Ein in die Jahre gekommener Rocker sitzt an einer Bar.

Die Fenster der Bar sind abgedunkelt, die Luft ist stickig. Es riecht nach Tabak und Alkohol.

Er inhaliert den Rauch einer Zigarre und sein Blick ist in die Ferne gerichtet. Er sieht sein Leben an sich vorbeiziehen: Seine Jugend, durchwachte Nächte mit Freunden – oder wie man sie auch nennen mag. All den Unsinn, den sie getan hatten. Das Gefühl, ihre Freiheit ausleben zu müssen. Der Wunsch nach großen Taten und ihrer Anerkennung. Hatte er sich verändert? Oder war er ein Jugendlicher geblieben? Den Wunsch nach Freiheit hatte er noch immer, doch das Gefühl, sie ungestört ausleben zu können war verschwunden. Vielleicht, weil es kaum Gleichgesinnte gab. Nun, dachte er höhnisch, die einen sitzen, hinter den Mauern der Bürokratie verschanzt, zwischen Kaffeetasse und mannshohen Stapeln – fein säuberlich sortiert – mit unsinnigen Aufgaben, die ihre Lebenszeit verschlingen. Wie sehr sich die Menschen doch ändern konnten … Und die anderen, nun ja … Er lachte ein raues Lachen und drückte seine Zigarre aus, bezahlte, tippte sich zum Gruß an die Stirn und ging.

Jana Teuscher - Drei Mädchen

sitzen vor einem Laden. Sie rauchen. Aus der offenen Tür hinter ihnen dringt Musik, spanische Musik. Sie passt zu der alternativen Kleidung der Mädels. Jede unterscheidet sich von der anderen durch viele Details, doch sie vereinen sich im Wunsch nach Abgrenzung. Die Mädchen – schon fast junge Frauen – quatschen über Alltägliches. Jungs, Probleme und natürlich Träume. Es wehen nur Wortfetzen zu mir herüber, doch ich verstehe genug, um dem Gespräch folgen zu können. Das warme Sonnenlicht lässt die flammend roten Haare des Mädchens in der Mitte hell leuchten. Sie redet über ihre Zukunft, viele Gesten scheinen ihre Unsicherheit zu verstecken. Was soll sie machen? Hier in der Pampa zu versauern, war nicht ihre Vorstellung von LEBEN gewesen. Doch was wird ihre Zukunft für sie bereithalten? Hier hat sie Freunde, hier hatte sie einen festen Job. Doch mit 21 Jahren standen ihr noch alle Türen offen! Nun haben die beiden anderen ebenfalls Feuer gefangen! Auch sie malen sich aus, wie es wäre zu reisen, nach Paris und London – oder bis in die tropischen Wälder Südamerikas?

Als ihre Pause zu Ende ist, kehren sie schlagartig auf den Boden der Tatsachen zurück.

Jana Teuscher - Unsere Jugend

Permanent unzufrieden,

Hey, die könn` ja kaum noch reden,

sind nur noch auf Technik gepolt,

der ganze Rest – schon überholt.

Hyper-Mega-Riesenwahn,

und vollkommen ohne Scham,

kiffen, labern, ficken, rauchen,

und zur Abwechslung mal saufen,

ja, das ist sie, unsre Jugend!

 

Ja, das sind wir – eure Jugend?

Unter Druck gesetzt,

Nirgendwo mehr geschätzt,

ihr Schubladendenker!

Ihr Nichts-Schenker!

Wir Suchenden.

Wir VERsuchenden.

Lasst uns nur,

sonst wird die Zukunft `ne Tortur!

Wir werden die Handelnden sein,

denn ich mein –

Frieden und Liebe – nur Illusion?

Nein, unsere Passion!

Jana Teuscher - Blickwechsel

Ein vierjähriges Mädchen:

Juhuuuu! Der See ist endlich zugefroren! Mama redet immer noch mit einer Frau und das kann noch ein biss­chen dauern, also bin ich schon mal vorgegangen. Aber allein auf den See traue ich mich nicht.Da ist so ein Schneeberg, der ist höher als ich! Wenn ich da raufklettere, dann kann ich den See von oben sehen.Der Schneeglitzert in der Sonne und sieht aus wie Puderzucker. Jubelnd springe ich in den kalten Schnee. Ich rutsche im­mer wieder aus und falle hin. Das ist anstrengend! Ich komme den Schneeberg nur ganz langsam hoch und oben fühle ich mich groß, so groß wie Mama. Ein Mädchen kommt vorbei. Weil sie schlurft, denke ich schon wieder an Mama, bei der darf man das nämlich nicht, das Schlurfen. Aber wenn ich groß bin, mache ich das auch! Das Mädchen guckt mich gar nicht an und starrt auf den Boden. Da fällt mir ein großer Fußabdruck neben mir auf, Ich stelle meinen Fuß in den Abdruck. Er ist riesig! Da wollte wohl noch jemand größer sein, als er schon ist.

 

Ein sechzehnjähriges Mädchen:

Ich komme an zwei quatschenden Frauen vorbei, die eine blickt sich suchend um. Den Wald verlas­send stoße ich auf ein spielendes Mädchen. Ein hübsches Mädchen. Schnell schau ich weg, bevor es mich gesehen hat, und fange an zu schlurfen, damit es sich nicht erschreckt. Als ich schon fast an ihm vorbei bin, blicke ich hoch. Das Kind stellt prüfend seinen Fuß in einen größeren Fußabdruck, den ich vorher übersehen hatte, Ein Fußabdruck eines Erwachsenen auf so einem hohen Schneeberg? Fragend verziehe ich mein Gesicht, bis es mir wie Schuppen von den Augen fällt! Nicht nur Kinder wollen spielen! Ich grinse und gehe weiter. Ich gehe über unseren zugefrorenen See, ganz vorsichtig und dann immer sicherer. Es ist niemand zu sehen und ich war mir nicht im Klaren darüber, ob die Eisschicht dick genug sein würde, Aber sie ist es und knackt nicht. Ich schaue auf die Bläschen im Eis und das dunkelgrüne Wasser darunter. Dunkle Schatten schwimmender Fische sind nicht zu sehen. Kniend fühle ich das unebene Eis und blicke auf. Es ist weit und breit niemand zu sehen, weder auf dem See noch in dem benachbarten Wäldchen. Die Angst kriecht kalt meinen Rücken hinauf – Was wenn ich einstürzte? Doch dann schiebe ich den Gedanken zur Seite, nein, das Eis ist dick genug. Ich erhebe mich wieder und wage mich noch weiter hinaus, denn ich habe ein Loch in der dicken Eisschicht ein paar Meter vor mir gesehen. Schnell sehe ich zurück zum Strand und beschleunige meine Schritte, als es unter mir knackt. Ich bleibe wie angewurzelt stehen und starre entsetzt auf den trüben Boden, auf dem ich stehe. Keuchend atme ich ein und stoßweise wieder aus, blicke hilfesuchend zum Strand. Doch da ist keiner, genau wie vorhin. Wie gelähmt sehe ich wieder auf das trübe Eis unter mir und warte darauf, dass es unter mir nachgibt. Ich beobachte die Rauchwölkchen meines Atems. Zweifelnd blicke ich auf das Eis. Doch nichts passiert. Ich seufze. Ich weiß, ich sollte zurück zum Land, doch ich habe plötzlich diesen Drang, in sich bewegendes Wasser zu sehen, vielleicht einen Fisch oder Pflanzen zu erahnen. Ich verfluche mich selbst und schlage einen Bogen um die Stelle, an der es geknackt hat. Langsam und vorsichtig nähere ich mich dem Loch, zuletzt auf allen Vieren. Noch einmal sehe ich zurück, ob jemand mich beobachtet, nein, ich bin ganz allein. Ich strecke meinen Kopf nach vorne, um nur einmal, ganz kurz, das Wasser zu sehen. Doch da ist kein Wasser – nein, ich sehe mich! Ich zucke zurück und gleich darauf schlage ich mir gegen die Stirn – natürlich sehe ich mich! Meine Stirn legt sich in Falten und ich ziehe ärgerlich meine Augenbrauen zusammen: Ich will das dunkle Wasser sehen! Nicht mich! Ich seh mich schon im Spiegel nicht an, vermeide es auf jedwede Weise. Und trotz­dem beuge ich mich wieder vor und reiße mich zusammen, um nicht gleich wieder zurückzu­schre­cken. Ich sehe ein helles Gesicht mit strubbeligen, kurzen Haaren, störrisch blickende Augen und hohe Wangenknochen. Und inmitten dieses von Wellen durchzogenen, hellen Flecks auf dem Wasser einen gepiercten Zinken. Wütend schlage ich auf das Wasser. Es spritzt hoch. Da knackt es unter mir. Ich reiße die Augen auf, denke, dass das Wasser wirklich eisig ist und dann gibt es unter mir nach, das Eis.

 

Eine sechzig Jahre alte Frau:

Fluchend halte ich mir meine Hüfte, Altwerden ist nicht leicht. Ich lehne mich schnaufend an einen Baum und sehe schräg hinter mir ein Mädchen – ein Dreikäsehoch –, das nichtsahnend Richtung See läuft. Ich stöhne leise auf, doch die Schrittchen verstummen. Sie bleibt stehen und wendet sich einem nahe gelegenen Schneeberg zu. Kurz darauf kommt ein älteres Mädchen vorbei, sie wirkt aufgeweckt. Aufmerksam beobachtet sie das Kind und geht dann weiter, ohne es weiter zu beachten. Sie betritt den See. Und dann, nach einer Weile, bleibt sie stehen. Scharf sauge ich die Luft ein, sie ist beißend kalt. Doch es scheint, als hielte das Eis. Sie schlägt einen Bogen und plötzlich geht sie zielstrebig auf eine dunkle Stelle zu. Ich kneife die Augen zusammen, kann jedoch immer noch nichts erkennen. Jetzt auch noch die Brille! Ich hole sie ärgerlich heraus und reiße die Augen auf. Jetzt kniet sie an einem Loch! Einem Loch weit vom Land entfernt! Ist sie denn wahnsinnig? Ich beuge mich gespannt vor: sie reißt die Arme hoch und schlägt ins Wasser. Plötzlich wirkt sie auf mich unglücklich. Dann bricht sie ein. Schockiert stehe ich da. Tu was, tu was, tu was. Ich brülle los: „Da ist wer eingebrochen!“ Lauter: „Da ist wer eingebrochen!“ Hektisch suche ich mein Handy. Hier nicht, dort nicht. Die Mutter kommt angelaufen, sucht panisch ihr Kind. Mit der ist nicht zu rechnen! Endlich! Ich hab`s! Mit zitternden Fingern wähle ich die Nummer des Notrufs, doch das Handy fällt auf den Boden. Das Kind zeigt inmeine Richtung, die Mutter kommt auf mich zugeeilt. Sie hebt das Handy auf, legt einen Arm um mich und ruft den Notruf. Mir ist ganz kalt. Kurz darauf höre ich die Sirenen.